19 Windpumpen, ein langer Kanal und ein Tagesausflug, der sich lohnt

Es gibt Reiseziele, die man zufällig entdeckt. Kinderdijk ist so eines. Ein Wikipedia-Foto, aufgenommen in strahlendem Sommerlicht, mit einem langen Kanal, gesäumt von Windmühlen — und plötzlich war klar: Das muss ich in echt sehen. Also Samstag, Auto, Autobahn. Von Duisburg aus sind es keine zwei Stunden, und kurz vor Rotterdam taucht auf einmal diese Szenerie auf, die man sich vorher nur vorstellen konnte.
Nicht mahlen, sondern pumpen
Was auf den ersten Blick aussieht wie romantische Getreidemühlen, sind in Wirklichkeit Wasserpumpen — offiziell „Windpumpen“ genannt. Insgesamt 19 dieser Bauwerke aus dem 18. Jahrhundert stehen entlang des Kanals, auf zwei Poldern verteilt: acht runde Ziegelmühlen auf dem Nederwaard-Polder, acht achteckige Holzmühlen auf dem Overwaard-Polder, dazu noch einzelne weitere etwas abseits. Ihre Aufgabe war es, das Wasser aus dem tief liegenden Polder in den Wasserweg zu pumpen — Niederlande eben, ein Land, das seinem Meer das Land abgetrotzt hat. Heute erledigen Elektropumpen diese Arbeit, aber die alten Windpumpen drehen sich noch, zumindest bei Wind. Und die Anlage tut es auch im Gedächtnis der Welt: Seit 1997 steht Kinderdijk auf der UNESCO-Welterbeliste.
Der Name übrigens hat eine schöne Legende: Bei der Elisabethenflut von 1421 soll eine Wiege mit einem lebenden Kind und einer Katze unversehrt auf den Deich gespült worden sein. Ob wahr oder nicht — als Geschichte zum Ort passt sie perfekt.
Die Szenerie: schöner als das Wikipedia-Foto?
Ehrlich gesagt — nein, nicht schöner. Das Foto auf Wikipedia ist bei perfektem Licht und blauem Himmel entstanden, und bei unserem Besuch hing eine graue Wolkendecke über dem Kanal. Aber es hat trotzdem funktioniert. Warum? Wegen des Windes. Der blies kräftig, und die Windpumpen drehten sich fleißig — leise rauschend, mit einem Rhythmus, den man erst spürt, wenn man davor steht. Das macht die Szenerie lebendig auf eine Art, die kein Foto einfangen kann.
Man flaniert auf einem breiten Spazierweg am Kanal entlang, von Mühle zu Mühle, begleitet vom Vieh, das auf den Wiesen nebenan grast. Es fehlte eigentlich nur noch ein Tulpenfeld für das perfekte Holland-Klischee. Aber es war schön.




Ein Blick ins Innere
Wer mag, kann eine oder zwei der Mühlen von innen besichtigen. Das lohnt sich unbedingt: steile, enge Treppen, knarrende Holzdielen, und eine Ahnung davon, wie eine Familie einst auf engem Raum gelebt und gleichzeitig die Pumpe betrieben hat. Es ist kein Museum mit Glaskästen, sondern ein echter Einblick in ein altes, bodenständiges Leben zwischen Wasser und Wind.



Anreise & praktische Tipps
Wer mit dem Auto kommt: Schon an der A15-Abfahrt, mehrere Kilometer vor Kinderdijk, sind Shuttle-Parkplätze ausgeschildert. Nicht wundern — und dort parken. Direkt an den Mühlen gibt es kaum Stellplätze, und bei dem Besucherandrang ist die Suche dort ein Glücksspiel. Der Shuttle kostet etwa zehn Euro inklusive Parkgebühr, fährt in unter einer Viertelstunde zur Anlage, und man beginnt den Spaziergang direkt inmitten der Mühlen.
Von Rotterdam aus ist Kinderdijk auch mit dem öffentlichen Nahverkehr oder per Boot erreichbar. Für Tagesausflüge aus dem Westen Deutschlands ist die Eigenanreise mit dem Auto jedoch die bequemste Variante.
Bei allem Holland-Klischee ist Kinderdijk einfach eine wunderschöne Szenerie — und auf jeden Fall ein lohnenswerter Ausflug.